Steubenparade New York 2006 T-Shirt

Die Schwarzen Jäger bei der Steubenparade in New York

Im September 2006 reisten über 40 Mitglieder der Schwarzen Jäger 1799 e.V. in die Vereinigten Staaten, um an der 49. Steubenparade in New York teilzunehmen. Was als feierlicher Festumzug auf der Fifth Avenue geplant war, wurde zu einem Abenteuer mit verschwundenem Gepäck, seekranken Walbeobachtern und einem unvergesslichen Marsch durch die Hochhäuserschluchten Manhattans. Der damalige Vorstand hat diesen Reisebericht kurz nach der Rückkehr verfasst — wir geben ihn hier in überarbeiteter Form wieder.


Montag, 11. September — Abflug

Am Montagmorgen um 6:10 Uhr ging es in Erligheim los. Der Bus war bestellt, die vom Erligheimer Bäcker Murrmann gerichteten Brezeln wurden unterwegs verteilt. 45 Mitreisende waren an Bord — Vorfreude und ein leicht mulmiges Gefühl mischten sich, schließlich war der 11. September kein gewöhnliches Reisedatum. Aber Angst hatte niemand. Unterwegs wurden noch die drei Mannheimer aufgefischt, und ab dem Hockenheimring war die Truppe vollzählig.

Am Flughafen Frankfurt die übliche Prozedur: Jacken aus, Armbanduhr weg, Gürtel aus der Hose, Schuhe ausziehen, Fußsohlen abtasten lassen, Wasser und Getränke wegwerfen, Cremes und Lippenstifte abgeben. Durch den Magnetscanner, alles klar. Um 12:20 Uhr startete der Jumbo der United Airlines. Auch die Jungfernflieger unter den Schwarzen Jägern überstanden den Start tapfer. Im Flieger wurde es schnell ruhig — manche lasen, andere lösten Kreuzworträtsel, und wer die Nacht zuvor kaum geschlafen hatte, schlief ein. So vergingen die acht Stunden fast wie im Flug.

Landung in Washington. Jetzt hieß es schnell sein: Die Anschlussmaschine nach Boston ging in anderthalb Stunden. Einreise in die USA — anstehen an den Schaltern, Pass vorlegen, Zollformular zeigen, Zeigefinger rechts einscannen, Zeigefinger links einscannen, „Please look in the Camera“, Bild gemacht, Pass zurück, weitergehen. Ohne Zwischenfälle alle durch! Dann Koffer holen — und hier begann das Chaos. Drei weitere Flieger waren gleichzeitig gelandet, das Gepäckband bewegte sich nur schubweise. Es wurde immer knapper mit der Maschine nach Boston.

Am Ende schafften es die ersten 20 gerade noch in den Flieger. Der Rest biss sich noch durch die Kontrollen und kam mit späteren Maschinen nach. Das Gepäck allerdings hatte eigene Reisepläne.

Dienstag, 12. September — Boston

In Boston angekommen warteten die Reiseleiterin Gerda und der Bus bereits. Die ersten Koffer kamen an, aber vieles fehlte noch. Mit jedem Flieger kam ein bisschen mehr — aber keine Schwarzen Jäger und keine Trommelkisten. Zwei Stunden später traf zwar der Rest der Mannschaft ein, doch drei Trommelkisten und zehn Gepäckstücke blieben verschollen. Am Gepäckschalter wurde alles aufgenommen: Größe, Farbe, Gepäcknummer. Man versprach, die Koffer über Nacht ins Hotel zu bringen. Es blieb nur die Hoffnung auf den Dienstag.

Der Dienstag brachte zunächst keine Koffer, dafür eine Stadtrundfahrt und Walbeobachtung. Gerda telefonierte mit der Fluggesellschaft — mit Bravour, wie alle bestätigten — während die Gruppe zum Hafen von Boston aufbrach. Das Wetter war durchwachsen, aber trocken. Zusammen mit anderen Gruppen ging es an Bord eines Katamarans, der mehrere Meilen aufs offene Meer hinausfahren sollte, um Wale zu finden.

Was dann folgte, wurde zur legendärsten Episode der gesamten Reise. Der Kapitän gab Vollgas, um möglichst schnell in die Walgebiete zu kommen. Draußen auf dem Atlantik wurden die Wellen immer höher. Der Katamaran auf seinen zwei Kielen brach durch die Wellen, schlug auf, sprang, landete hart. Es ist grausam, was man mit 180 Menschen auf einem wackelnden kleinen Etwas mitten auf dem großen weiten Wasser anstellen kann.

Nach einer dreiviertel Stunde wäre die Hälfte der Passagiere am liebsten sofort von Bord gegangen. Zwei ältere Damen mussten von vier Männern ins Innere getragen werden, weil sie sich nicht mehr festhalten konnten. Jemand stürzte auf dem Deck und verletzte sich am Knöchel, ein anderer schlug sich auf der Treppe das Knie auf. Das Personal verteilte Tüten mit Verschlussdraht. Die Hälfte der Leute war seekrank, und von allen Seiten hörte man den verzweifelten Ruf: „UUULLLRRICH!“

Nur ein Paar aus der Gruppe — darunter der Vereins-Schiffsmaschinist „Karle“ — ließ sich von den Ängsten der anderen nicht anstecken. Irgendwann lenkte der Kapitän ein und fuhr langsamer zurück. Als sich alle erholt hatten, teilten die englischsprechenden Mitreisenden mit, was der Kapitän zu Beginn durchgesagt hatte: „Er hat doch vorher durchs Mikro gsagt, dass es eigentlich net des richtige Wetter zum Wale gugga isch!“ — „Na Danke, des häb ich jetzt nemme wissa wella!“

Versöhnlich wie die Schwaben nun mal sind, nahm man das Angebot des Kapitäns an, als Ersatz eine Hafenrundfahrt zu machen. Die war ganz gut — man sah den Hafen und die Skyline von Boston. Danach ging es in die Stadt: Alte und neue Hochhäuser, das Financial District mit seinen gewaltigen Fassaden vor denen die historischen Bauten wie Miniaturen dastehen — das Old State House, die Old City Hall, der Quincy Market. In den renovierten Lagerhallen und Kaufhäusern wie Faneuil Hall und dem Marketplace fand man Foodcourts, Touristenläden, hübsche kleine Bistros und Cafés. Nur eines fand man nicht: Bier zum Essen. In den meisten Lokalen gab es keinen Alkohol. Man musste sich einen Pub suchen — und mit sechs bis acht Leuten war das gar nicht so einfach.

Die Stadtrundfahrt führte weiter nach Cambridge, durch den Campus der Universität („vielleicht haben wir ja einen zukünftigen Präsidenten gesehen“), am berühmten MIT vorbei, zum U.S.S. Constitution Museum mit der schweren alten Fregatte von 1797, zur Trinity Church mit ihren Tiffany-Fenstern, am Boston Common-Park und dem Public Garden vorbei. Der Höhepunkt war die Acorn Street — eine kleine gepflasterte Gasse mit netten dreistöckigen Häusern auf der einen und einem schön angelegten Garten auf der anderen Seite. Erst in den Randbezirken merkte man, dass Boston eine Vier-Millionen-Metropole ist. Die Innenstadt kam erstaunlich europäisch daher.

Abends im Hotel dann die gute Nachricht: Ein Teil der Koffer war da! Es fehlten noch einige wenige — und die Trommeln.

Mittwoch, 13. September — Weiter nach New York

Mittwochmorgen musste das Gepäck her, denn heute ging es weiter nach New York. Bernd setzte sich durch: Wir fahren zum Flughafen. Und dann — Wunder über Wunder — standen in der Gepäckausgabehalle alle restlichen Koffer fein säuberlich neben dem Band, als hätten sie auf uns gewartet. Auch die Trommler bekamen ihre Instrumente unbeschadet zurück.

Mit Verspätung ging es los Richtung Cape Cod, nach Hyannis und Hyannisport — die Urlaubsregion der Kennedys. Man besuchte die Kirche, in der Arnold Schwarzenegger seine Maria Shriver geheiratet hatte, eine Nichte von JFK. An der Atlantikküste wurde es kühler, aber den Trommlern war es zu warm — sie mussten sich im Atlantik abkühlen. In dem kleinen Ort Sandwich, der aussieht wie vor hundert Jahren, gab es ein Glasmuseum und das Hoxie House von 1675, ein nahezu unverändertes Salt Box House. Im Laden daneben versorgten sich die Schwarzen Jäger mit Flaschenbier — das allerdings nach Kaugummi schmeckte oder furchtbar bitter war. „S’geht nett soviel nei das es sich lohnt!“

Weiter Richtung New York. Stundenlange Fahrt, Unterhaltung von Reiseleiterin Gerda mit Witzen und Geschichten. Es wurde dunkel. Und dann, plötzlich links: die Skyline von Manhattan. Tunnels, Brücken, Kreuzungen, Lichter, Autos — aber noch ewig weit weg. Endlich die Ausfahrt, endlich das Hotel. Zimmer suchen, umziehen, runter an die Bar.

Donnerstag, 14. September — New York

Von New Jersey aus „iver do River niver“ — rüber über den Hudson nach New York. Erster Halt: ein Jeans-Laden. „Alle Mann ond Mäuse nei ond Jeans kauft noch ond nöcher.“ Nachdem die Schwarzen Jäger den Laden verlassen hatten, wurde erst mal zugemacht und wieder aufgefüllt. Der Umsatz wurde gefeiert.

Es regnete leicht, die Sicht auf die Wolkenkratzer war mäßig. Gerda und Bernd machten sich auf die Suche nach dem Steubenparade-Büro — gefunden — und meldeten den Verein an. Dann die Stadt: Nuffgugga — begeisternd! Fantastische Fassaden, großartige Empfangshallen, verschwenderischer Luxus — der Trump Tower zum Beispiel. Auf der Straße ein Wahnsinnverkehr: 60 Prozent gelbe Taxis, dazu Stretchlimousinen und Hammer-Hummer, kaum Privatautos. Feuerwehr, Polizei und Ambulanzen im Dauereinsatz, wie in den Kinofilmen. Gehupt wie in Bangkok, gefahren wie in Paris.

Am Ground Zero wurde es still. Die ständige Baustelle mit den Erinnerungskreuzen. „Immer stehen Leute da die weinen, wir standen da und …“

Die Fahrt endete am Empire State Building. „Seit meinem ersten King-Kong-Film wollte ich den Turm mal sehen, jetzt stehe ich auf ihm.“ Unten durch die Halle, mit der Rolltreppe in den ersten Stock, dann in den Aufzug. „Ich warte auf den Ruckler wenn der Aufzug losfährt — er kommt nicht. Fast spür ich nicht einmal die Fahrt in den 80. Stock, so schnell, so ruhig, dass mir das Aufzugfahren sogar Spaß gemacht hat.“ Oben war leider Nebel, der Rundumblick auf Big Apple blieb verwehrt. Trotzdem beeindruckend.

Dann Macy’s, das größte Kaufhaus von New York. „De Fraua ihre Auga werdat glasig. Meine leider au, vor lauter Träna drenna.“ Alte Holz-Rolltreppen im ganzen Kaufhaus, auf jedem Stock ein anderer Imbiss. Und dann den Broadway rauf: Läden und Shops, Bistros und Kneipen, Kinos und Fastfoodläden, Musik- und Buchläden. In einer Drogerie Hautcremes, „billiger wia bei ons drhoim“. Vitamine und Aspirin. Und die Grand Central Station — ein Bahnhof mitten in der Stadt, im ersten Stock fahren Taxis, innen sieht es aus wie in einem Palast. „Mir send langsam durch do Bahnhof gloffa, ond warat die Einzige wo langsam warat. Alle andre snd fascht gsaut.“

Freitag, 15. September — Der Bürgermeisterempfang

„Heit isch Bürgermeischter-Empfang vor dem Rathaus.“ Es nieselte wieder. Alle Schwarzen Jäger hatten zu Beginn der Fahrt von den Sponsoren gespendete schwarze Polo-Shirts bekommen mit der Aufschrift „Steubenparade 2006 New York“. Die Shirts zusammen mit der Jägerkappe wurden zum Empfang befohlen. Es entstand ein einzigartiges Bild: 43 Mann und Frau am Brunnen vor dem New Yorker Rathaus, in Schwarz mit Kappe.

Es waren noch weitere deutsche Gruppen gekommen. Der Empfang dauerte etwa eine Stunde. Bernd und Siegfried trugen die volle Uniform, Babs und Conny ebenfalls. Auf der Bühne überreichten sie die Geschenke der Gemeinde Erligheim. Zusammen mit den Steubenparade-Prinzessinnen wurden sie von vielen Fotografen abgelichtet.

Anschließend eine zweistündige Kreuzfahrt um Manhattan ab Pier 83. Es nieselte noch immer, die Sicht war mäßig. „Ohh Schiff! Da war doch was!“ — aber keine Angst, diesmal keine großen Wellen. Die Skyline vom Wasser aus war trotzdem beeindruckend: die Wolkenkratzer, Ellis Island, die Freiheitsstatue, die Brooklyn Bridge. Danach konnte jeder seine Kreise ziehen bis abends um acht.

Samstag, 16. September — Die Parade!

„Immer wieder kamen in den Tagen vorher Unkenrufe: ‘Wenn des am Samschdich au so nass isch!’ ‘Ha, des wird aber was en nasse Uniforma!’ Dann hab i emmer wieder gsagt: Mir Schwarze Jäger senn no nia em Rega gloffa!“

Und was war? Am Samstagmorgen hellster Sonnenschein, den ganzen Tag lang.

Morgens ging es zum Gottesdienst in die berühmte St. Patrick’s Cathedral, der in Deutsch abgehalten wurde. Fast alle 20 deutschen Gruppen nahmen teil. Vor der Kathedrale wurde geknipst, dann ging es zum Steuben-Parade-Stellplatz. Uniformjacken an, Hüte auf. Letzte Korrekturen: „Kragen hoch, oberen Knopf zu, Koppel enger machen — aber Kerle, so hebt mr doch koi Gwehr! Du sollsch doch den Huat net falschrom uffsetzta! Trommler! Trommlat mol was!“ Beim Aufstellen nochmal alles durchexerziert. Es klappte.

Um 12:00 Uhr begann die Parade. Um dreiviertel eins ging es los — rein auf die Fifth Avenue. Die Trommler wurden lauter, der Befehlston von Bernd aufgeregter. Die Marketenderinnen und Jäger machten ihre Sache gut, und die Leute an der Straße waren begeistert. Vor der Ehrentribüne ein kräftiges „Hie gut Württemberg, Tapfer und Stolz!“ — sauber marschiert, fast immer im Gleichschritt. Gerhard mit der Standarte hinter den Trommlern, die Jäger und Marketenderinnen hinterher. Kurz vor dem Guggenheim Museum löste sich die Parade auf.

Danach zum Bus, umziehen — „da doch sehr stark gschwitzt worda isch“ — und weiter zum großen Zelt im Central Park. Karte vorzeigen, rein, Bier. Aber: „De Oine z’laut, de Andre z’viele Leit, s’Bier dauert z’lang.“ Also machten sich einige mit dem Linienbus auf in die Stadt. „Wiea geht denn des do en New York? 2 Dollar en dr Zählapparat nei ond weiterlaufa, des wars.“

Sogar ein Radio-Reporter aus Hamburg stellte die Frage: „Was sagen Sie einem Daheimgebliebenen, warum er unbedingt New York besuchen soll?“ — „Also eigfalla wär mir glei: Wegam Bier net! Aber so was kosch jo net saga.“ Also wurde diplomatisch geantwortet: Die beeindruckenden Häuserschluchten, die Steubenparade als Ausdruck deutsch-amerikanischer Freundschaft, Times Square bei Nacht. Dann weiter durch den Mega-Strudel am Broadway — Hard Rock Café, Planet Hollywood, Starbucks. „Send au alle wieder do? JA Alle!“

Sonntag, 17. September — Heimreise

Letzter Morgen: Koffer gepackt vors Zimmer gestellt, Frühstück, dann zur Harlem-Tour. Noch einmal die Skyline, durch den Lincoln Tunnel auf die Insel Manhattan. In Up-Town Manhattan vorbei am Columbus Circle, an der Metropolitan Opera, am Dakota Building — wo John Lennon 1980 erschossen wurde. Durch die Strawberry Fields im Central Park mit dem „Imagine“-Mosaik. An der Columbia University vorbei zur Cathedral of St. John the Divine, dann nach Harlem zu einem Gospel-Gottesdienst. Zum Abschied ein Restaurant mit singenden Kellnerinnen — „gutes Essen war des Dipfale uff’s i, ond mr hat Beifall klatscha kenna.“

Über Brooklyn zum JFK Airport. Eingecheckt um 15:30 Uhr, noch zweieinhalb Stunden warten. „Ond grad wiea mir was zom Drenka kaufa wella, seh i dass diea Engländer uff ihre Preisschilder NUR PFUND deklariert hen. En Europa, hen diea koin EURO uff ihre Preisschilder — des ko net sei, no brauchat se au von mir koin Euro.“ Also nichts zu trinken gekauft.

Wieder ins Flugzeug, wieder Kontrollen, über London zurück nach Frankfurt. In Frankfurt fehlte — natürlich — ein Koffer: der von Axel. „Aber er wird spätestens am Dienstag in Erligheim sein.“ (So war es dann auch.) Im Bus vom Ernesti warteten ein paar Flaschen Bier im Kühlköfferle. Zu wenig, aber immerhin — es reichte zum ersten Durstlöschen. Der Bus wurde ruhiger. Aber als sich die Truppe Erligheim näherte, wurden alle wieder munter: „Iber dr Buckel von Benniga her, ond scho dr Flicka gseha. Am Netto vorbei — er schtoht no! An dr Tanke vorbei — ja, se schaffat! Am Boom vorbei — do hengat Fahna drausa!“

Bushaltestelle. Alles raus.

DRHOIM. 15:00 Uhr Ortszeit — also seit ca. 25 Stunden unterwegs.

„Schee isch gwä!! Schade dass net alle dobei hen sei könna!“

Eier Vorschtand! — em September 2006

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